Der Alte Jüdische Friedhof in Nemenčinė

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Beschreibung

 

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An dem Ort, wo die Nemenčia in die Neris einfließt, etwa 20 km nordöstlich von Vilnius, befindet sich Nemenčinė. Diese Kleinstadt, die ihren Namen dem Fluss verdankt, wurde früher nach slawischem Brauch Nemenčin genannt. Vom zentralen Platz des Kulturhauses eröffnet sich der herrliche Ausblick auf die Täler der Neris.

Archäologische Funde belegen, dass in diesem Gebiet bereits seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. Menschen gelebt haben. Funde gab es auch unweit der Siedlung am Fuße des Burghügels. Im 13. Jahrhundert stand auf dem Burghügel die beeindruckende Wehrburg des litauischen Königs Mindaugas. Es ist bekannt, dass die Bewohner der Umgebung von Nemenčinė mehrmals gegen die zaristische Herrschaft kämpften und viele Männer dabei ihr Leben ließen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg verbinden Nemenčinė besonders schmerzhafte Erfahrungen. Das Jahr 1941 ist gekennzeichnet von Brutalität. Hunderte Litauer, Polen und Menschen anderer Nationalität wurden ermordet oder nach Sibirien deportiert. Die wohl tiefste Wunde des Weltkriegs hinterließ der Holocaust. Die seit alten Zeiten in Nemenčinė und dessen Umgebung lebende jüdische Gemeinde wurde von den Nationalsozialisten und lokalen Helfern ermordet. Als wäre dies nicht genug, wurden auch die Synagoge und die Schule niedergebrannt.

Im Wald von Nemenčinė wurde zum Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den Juden ein Mahnmal errichtet. An ihm findet jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung statt, an der nicht nur Ortsbewohner, sondern auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus weiter entfernten Orten, Israel und anderen Ländern (besonders aus den USA, Großbritannien u.a.) teilnehmen.

Neben dem Mahnmal zu Ehren der Opfer des Holocausts gibt es in Nemenčinė einen weiteren bedeutsamen Ort, der mit dem tragischen Schicksal dieses Volkes in Zusammenhang steht – den alten jüdischen Friedhof. Er ist nicht nur ein für die jüdische Gemeinde besonderer Ort, sondern ein wichtiges Kulturerbe, das an zukünftige Generationen weitergegeben werden muss. 

 

20. September 1941

Drei Kilometer westlich von Nemenčinė verkündet ein zwischen Kiefern stehendes Marmordenkmal auf Litauisch und Jiddisch: „Hier haben die Anhänger Hitlers und ihre Helfer am 20. September 1941 403 Juden ermordet“. An diesem Ort wurde praktisch die gesamte jüdische Gemeinde von Nemenčinė ausgelöscht.

Früher wurden zaghaft Geschichten und Erinnerungen über Erschießungen von Menschen oder jüdische Verräter erzählt. Heutzutage ist es einfacher für die Menschen, sich zu öffnen und so werden auch mehr historische Informationen und Bezeugungen von Einwohnern zusammengetragen, wer damals den Verfolgten und den zum Tode verurteilten Mitbürgern half. Die Erinnerung an die Helfer ist im Yad Vashem-Museum in Israel für die Ewigkeit festgehalten.

 

Der Holocaust

Holocaust ist ein zusammengesetztes Wort, das aus dem Griechischen stammt: olos bedeutet „vollständig“ und καυsτόs – „verbrannt“. Im Hebräischen wird der Holocaust als HaShoah oder Katastrophe bezeichnet. Nicht selten wird auch der Begriff Shoah verwendet.

In der litauischen Provinz begann der Völkermord bereits in den ersten Kriegsjahren. Die Nationalsozialisten erhielten oft Hilfe von der örtlichen Polizei. Meist wurden die Juden festgenommen oder die Gemeinde wurde versammelt, um in ein angebliches Arbeitslager überführt zu werden. Die Juden wurden auf die Marktplätze der Kleinstädte getrieben, ihre Habseligkeiten wurden beschlagnahmt, Männer wurden von Frauen und Kinder von älteren Familienmitgliedern getrennt.

Die Massenmorde an den Juden wurden meistens im nahegelegenen Wald durchgeführt. Die zum Tode Verurteilten mussten sich selbst tiefe Gruben schaufeln, danach fielen Schüsse... Aus Angst vor Widerstand wurden die Männer zuerst erschossen. Die SS-Einheiten und ihre lokalen Helfer beendeten die Hinrichtung und teilten die Habseligkeiten der Ermordeten unter sich auf.

Die Massenvernichtung der jüdischen Gemeinden im Zweiten Weltkrieg wurde in nahezu allen Ländern Europas betrieben. Zählungen zufolge haben in diesem Jahr etwa 6 Millionen Juden ihr Leben verloren. In Litauen belief sich die Zahl jüdischer Opfer auf 200.000, d. h. ein Großteil der Menschen dieser Nationalität im Land wurde ausgelöscht.

Der Holocaust ist eine schmerzhafte Tragödie, welche die Welt im 20. Jahrhundert ereilt hat. Tausende ermordete jüdisch-stämmige litauische Staatsbürger haben über mehrere Jahrhunderte in diesem Land ein wertvolles Kulturerbe hinterlassen. Viele Künstler, Wissenschaftler und andere begabte Persönlichkeiten haben ihr Leben verloren. Jedes Jahr am 23. September – am Tag des Gedenkens an die Opfer des Völkermords an den Juden in Litauen – werden die Orte der Massenmorde aufgesucht und man erinnert sich an die Namen und das Werk der Opfer.

 

Der alte jüdische Friedhof

Die recht große jüdische Gemeinde in der Umgebung von Nemenčinė bestand bereits im 17. Jahrhundert. Ende des 19. Jahrhundert umfasste sie etwa drei Viertel der Dorfbewohner. Vom Gemeindeleben in Nemenčinė zeugt der alte jüdische Friedhof, der heute ein wichtiges historisches Objekt des jüdischen Erbes, eine Spur des Gemeindelebens und ein Teil der kulturellen Identität ist. Hier befinden sich Grabmale aus unterschiedlicher Zeit: Sie haben verschiedene Größe und Form und wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt. Die Grabmale besitzen über Inschriften auf Hebräisch. Obwohl der alte jüdische Friedhof in das Register der nicht beweglichen Kulturgüter aufgenommen wurde, sind die meisten Grabmale heute beschädigt oder umgestürzt.


Adresse: Piliakalnio Str., Nemenčinė, Gemeinde Nemenčinė, Bezirk Vilnius