Sehenswürdigkeit

Der Kartoffelweg

    Audioguide         Das seenreiche Land Trakai ist bekannt für die Vielzahl seiner Natur- und Kulturdenkmäler. An diesem Ort befindet sich der außergewöhnliche Gutshof Užutrakis mit einem luxuriösen Palais, das oft weißer Schwan des Galvė-Sees genannt wird. Das helle Palais, das das Ostufer des Sees ziert, ist aufgrund seine geografischen Lage und seiner wunderschönen Geschichte einzigartig. In schriftlichen Quellen wird die Halbinsel Užutrakis bereits ab dem 14. Jahrhundert erwähnt, als sie von tatarischen Adeligen verwaltet wurde. Die Ländereien der als „Insel von Algirdas“ bezeichneten Halbinsel hatten zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Eigentümer. Die Geschichte um die Blütezeit des Gutshofs Užutrakis wird mit der Familie Tiškevičiai in Verbindung gebracht. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben Graf Juozapas Tiškevičius und seine Frau Jadvyga eine luxuriöse Residenz geschaffen – einen Gutshof mit einem Palais, dessen Interieur im Stil Ludwig des XVI gestaltet, sowie mit einer eindrucksvollen mit offenen Pavillons gekrönten Terrasse und einem Park im gemischten Stil ausgestattet war. Damals reisten die Grafen über das Wasser zum Landgut: Ein Fährmann setzte sie an der die Enge zwischen den Seen Galvė und Skaistis mit einem Floß über. Auf dem Landweg reisten auch nicht die hochrangigen Gäste der Tiškevičiai, wenn sie zu den hier oft ausgerichteten Empfängen, Familientreffen oder freundschaftlichen Festen kamen. Während der Veranstaltungen spielte hier Musik, auf der Tafel mangelte es nicht an hausgemachtem französischem Käse, in der Brennerei hergestellten Getränken, und in der Mitte der Tafel präsentierte sich oft ein gebratener, auf dem Gehöft aufgezogener Fasan! Die Bediensteten des Palais des Gutshofes Užutrakis und des Gehöfts reiste nur selten auf dem Wasser. Der Wirtschaft von Haus und Hof war ein andere Weg vorbehalten – der sogenannte Kartoffelweg, der damals über die Felder bis zu den Wirtschaftsgebäuden des Gutshofs führte und heute meist am Ufer des Galvė-Sees verläuft. Auf dem Kartoffelweg kann man die wunderbare Landschaft auf sich wirken lassen. Es bietet sich ein atemberaubender Blick auf den See und die darin verstreuten Inseln sowie auf ein besonderes Schmuckstück – die Inselburg von Trakai. Jeder, der heute den Gutshof Užutrakis besuchen möchte, muss den alten Kartoffelweg nehmen. Allerdings finden gegenwärtig die abschließenden Arbeiten an der Anlegestelle statt, also wird die Halbinsel in Kürze auch über das Wasser zu erreichen sein! Um die Restauration des Gutshofs und seine ständige Pflege kümmert sich die Leitung des historischen Nationalparks Trakai. Für den Komfort der Besucher wurden auf dem Kartoffelweg mehrere Aussichtsplätze errichtet und Rastbänke aus Holz aufgestellt.   Die Wirtschaft des Gutshofs Den Gutshof der Tiškevičiai in Užutrakis unterstützte eine besonders starke Wirtschaft, in der das Erbrecht auf den ältesten Sohn überging, ohne Recht zur Aufteilung von Grund und Boden. Allein die zu bestellende Landfläche betrug 800 Hektar, wovon ein Teil den Gärten und dem gemischten Park vorbehalten war. Interessanterweise wurden auf dem Landgut Fasane gehalten. Bei dieser Vogelart aus der Ordnung der Hühnervögel haben die Männchen ein besonders buntes Federkleid. Für die Aufzucht der Fasane wurde ein Spezialist aus Österreich eingeladen. Bei besonderen Festen und Feierlichkeiten bewirteten die Tiškevičiai ihre Gäste mit gebratenem und einfallsreich aufgetischtem Fasan. Der Wirtschaftsteil des Gutshofs Užutrakis bestand aus 19 Ziegel- und Holzbauten: Pferdestall, Kornspeicher, Schmiede, Ställe, Lager u.a. Bis heute sind 10 Bauten erhalten geblieben. Das wohl wichtigste Wirtschaftsgebäude seiner Zeit war die Spirituosenbrennerei, denn Spirituosen waren anscheinend eine der Haupteinnahmequellen des Gutshofs.   Bedienstete und Arbeiter auf dem Gutshof von Užutrakis Schriftliche Quellen zeigen, dass der Gutshof von etwa 60 Bediensteten und Arbeitern versorgt wurde. Um ihren „Arbeitsplatz“ zu erreichen, nutzten sie, wie bereits erwähnt, den Landweg. Es lässt sich vermuten, dass die Bezeichnung des Weges auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass auf ihm Kartoffeln in die Spirituosenbrennerei transportiert worden sind. Erzählungen zufolge war die Reise zu den nahegelegenen Städten lang und teuer. Die häufige Nutzung des Kartoffelwegs war nicht sehr bequem oder günstig, deshalb mussten sich die Familien des Personals von Užutrakis so gut wie möglich selbst versorgen. Die Frauen bereiteten eigenen Kwaas zu, backten Brot, nähten und strickten, stellten aus Fett Seife her usw. Auf dem Gutshof gab es keinen Arzt, also waren erkrankte Bedienstete und Arbeiter ebenfalls gezwungen, selbst zurecht zu kommen. Nur in Ausnahmefällen und mit Genehmigung der Grafen wurde ein Arzt gerufen. Die Gräfin Jadvyga hatte außerdem eine Schule für die Kinder der ungebildeten Bediensteten gegründet. In ihrer Freizeit lehrte sie die Kinder selbst das Lesen und Schreiben, ließ sie kurze Gedichte und Lieder auswendig lernen. Ebenfalls erzählte sie von der Geschichte des Landes.   Liebe zum französischen Stil Es wird erzählt, dass man aus dem Munde der Gräfin Jadvyga oft folgenden Ausspruch hören konnte: „Liebe zu allem, was französisch ist“. Graf Juozapas sprach fließend Französisch, kannte das diplomatische Protokoll und hielt sich als einer von wenigen in Litauen an das  Savoir vivre bzw. die Regeln von gutem Verhalten und Höflichkeit. Es ist also nicht erstaunlich, dass der außergewöhnlich schöne Park des Gutshofs von Užutrakis von einem Franzosen entworfen wurde – Édouard François André. Dieser weltberühmte Landschaftsarchitekt entwarf einen einzigartigen Wasserpark, der sich über die gesamte Halbinsel erstreckt. In ihm wurden mehr als 20 Teiche unterschiedlicher Größe und Form ausgehoben, in denen sich die in der Umgebung wachsenden hundertjährigen Eichen, Kiefern und von fern herbeigeschafften exotischen Pflanzen spiegelten. Vor dem Palais wurden regelmäßig geformte (französische) Parterres mit beschnittenen Lindenalleen, ornamentierten Blumenbeeten angelegt sowie Vasen und Skulpturen aus Marmor aufgestellt. Užutrakis wurde oft von russischen Diplomaten, Offizieren und hochrangigen Beamten besucht, denn Graf Tiškevičius hatte seine wirtschaftliche und militärische Ausbildung in Sankt Petersburg erhalten. Um der russischen hohen Gesellschaft ebenbürtig zu sein, wurden ein Koch und ein Käser aus Frankreich auf den Gutshof eingeladen. Schon lange wurde in Litauen Käse produziert, aber die Käsesorten in Užutrakis waren etwas Besonderes und wurden nach französischen Rezepturen und Traditionen hergestellt. Angeblich wurden die in einem speziell gemauerten Raum aufbewahrten Käse jeden Tag gedreht und mit der Hand sanft abgestrichen.   Das Palais des Gutshofs Užutrakis Das Palais von Užutrakis versetzt den Besucher wie mit einer Zeitmaschine ans Ende des 19. Jahrhunderts bzw. an den Anfang des 20. Jahrhunderts. Beim Restaurieren der Räumlichkeiten des Palais waren die Restauratoren bemüht, den für die Zeit der Tiškevičiai typischen Luxus zu erhalten. Heute können die Besucher authentische Möbel, Geschirr, Waffen, Spiegel aus venezianischem Glas und weitere interessante Dinge aus dem Leben der Grafen besichtigen. Im Palais finden oft verschiedenste Wanderausstellungen statt und wie auch zu Zeiten der Tiškevičiai erklingen hier oft Musik und tosender Applaus.

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