Die Altstadt von Trakai

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Die Stadt Trakai ist seit frühen Zeiten für das harmonische Miteinander verschiedener nationaler und religiöser Gemeinschaften bekannt. Dies zeigt sich auch heute in dieser unverwechselbaren Stadt, in welcher verschiedene Traditionen der Architektur aufeinander treffen. Die Gäste von Trakai können sich näher damit vertraut machen, wie harmonisch die Traditionen und Bräuche von Karäern, Tataren, Orthodoxen und Katholiken aufeinander abgestimmt sind.

Die Karäer sind das kleinste in Litauen lebende turkstämmige Volk. Vytautas der Große, der von den Karäern Vatat Bij (dt. „König, der die Feinde bezwingt“) genannt wird, hat nach seiner siegreichen Schlacht auf der Krim im 14. Jahrhundert etwa 300 Familien dieser Nationalität nach Trakai umgesiedelt. Die ersten Karäer waren die Leibgarde des Fürsten. Sie ließen sich in der Nähe der Burg im nördlichen Teil der Halbinsel von Trakai nieder, der heute oft „Karäer-Ende“ oder „Kleinstadt“ genannt wird. 

Die Kenesa in Karäer-Ende ist die älteste in Litauen und eine von drei weltweit betriebenen Heiligtümern der Karäer! Hier sind auch archaische Häuser mit dreifenstrigen Fassaden zur Straße erhalten. Der Legende nach widmeten die Karäer beim Hausbau ein Fenster Gott, das zweite Vytautas (dem Herrscher) und das dritte dem Hausherrn. In Wahrheit spielte aber das Vermögen eine Rolle: Für den Tribut gegenüber dem Fürsten konnte man Fenster erwerben. Weniger gut betuchte Menschen verfügten nur über ein oder zwei Fenster zur Straße. 

In der Karäer-Straße kann man eine in der Europäischen Union einzigartige Ausstellung der Kultur dieses Volkes besuchen – das S. Schapschal-Karäermuseum. Ganz in der Nähe befindet sich auch das Gebäude der Post des Russischen Reichs, das Aufmerksamkeit verdient.

Der größte Teil der Halbinsel Trakai, indem seit langer Zeit Katholiken leben, zeichnet sich auch durch architektonische Vielfalt aus: Hier unterscheiden sich die Höhe und Größe der Gebäude, die Formen der Dächer usw. In diesem Teil der Altstadt kann man ein Beispiel der traditionellen orthodoxen Architektur besichtigen – die orthodoxe Kirche der Geburt der Heiligen Gottesmutter.

Der westliche Teil der Halbinsel Trakai, der auch Dūdakalnis genannt wird, wurde seit früher Zeit von Tataren bewohnt. Vor einigen Jahrhunderten standen hier eine Holzmoschee und Wohnhäuser. Die aus der Goldenen Horde (Krim) stammenden mutigen Tataren haben in der Armee des Fürsten Vytautas gedient und den Südzugang der Stadt bewacht.

 

Die Kenesa von Trakai

Das Gebetshaus der Karäer befindet sich im nordwestlichen Teil der Altstadt von Trakai. In dem einzigartigen quadratförmigen eingeschossigen Holzgebäude widerspiegeln sich die Züge der Architektur und der Innenraumgestaltung der Karäer. Es besteht aus zwei Räumen: einem Hauptraum (Männerbereich) und einem von vier Säulen getragenen Balkon (Frauenbereich). Wie auch in anderen Heiligtümern der Religionen des Orients beten Männer und Frauen in der Kenesa getrennt und jeder muss eine Kopfbedeckung tragen.

Beeindruckend ist die blau gestrichene Decke in der Form einer achtkantigen Kuppel. Geometrische Figuren und Pflanzenornamente zieren das Innere des Gebetshauses. Interessanterweise befindet sich der Altar auf der Südseite und eine Beisetzung geschieht traditionell mit dem Kopf in Richtung Süden.

Die hölzerne Kenesa von Trakai, die bereits Ende des 14. Jahrhundert errichtet worden ist, erlitt mehrfach Schaden durch Kriege und Brände. Bis zum heutigen Tag ist ein weiteres Heiligtum für die Gläubigen des Karäertums in Vilnius, im Bezirk Žvėrynas, erhalten. Den Ort, an dem einst eine Kenesa in der Stadt Panevėžys gestanden hat, markiert heute nur ein Gedenkstein.

 

Die Karäer

Die Religionsgemeinschaft der Karäer Litauens ist eine von neun staatlich anerkannten traditionellen Religionsgemeinschaften. Der Glaube der Karäer bildete sich im 8. Jahrhundert in Mesopotamien (auf dem Gebiet des heutigen Irak) heraus. Der Name entstammt dem Wort kara, was „die Heilige Schrift lesen und studieren“ bedeutet. Glaubensgrundlage des Karäertums sind lediglich das Alte Testament sowie seine späteren Ergänzungen und Kommentare. Der Hauptgrundsatz bei Auslegung und Verständnis der Heiligen Schrift sind Individualität, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Autoritäten. 

Die Karäer kamen vor 600 Jahren nach Litauen und galten als Elitesoldaten von Vytautas dem Großen. Jeder, der zur Burg von Trakai gelangen wollte, musste durch die Karäerstraße und später über die Brücke gehen, wodurch Vytautas der Schutz von Angreifern oder Übeltätern zuteilwurde.

Gegenwärtig wohnen in Trakai etwa 60 Personen mit dieser Nationalität. Davon spricht nur ein kleiner Teil seine seltene authentische Sprache, die den Turksprachen zugeordnet wird.

 

Das Schapschal-Karäermuseum

Seit 1967 können Besucher im Karäermuseum die Geschichte dieses besonderen Volkes, seine einzigartige Sprache und Religion kennenlernen. Es ist der einzige Ort in Litauen, der die Kultur der Karäer repräsentiert.

Die Museumsausstellung besteht aus mehr als 300 Objekten. Hier kann man die verschiedensten Ausstellungsstücke betrachten: von einem karäischen Ehevertrag aus Ägypten bis zu Sammlungen von Waffen aus dem Orient. Die Geschichte, der Alltag und die Bräuche des karäischen Volkes zeigen sich in Handarbeit, Bekleidung sowie Accessoires. 

Hadschy Seraja Khan Schapschal war ein berühmter Wissenschaftler und Sammler, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lebte. Er interessierte sich für die Völker des Orients, deren Kultur, und insbesondere für die Karäer. Damit wurde er eine weithin bekannte Person des öffentlichen Lebens der Karäer. Bei einer Zusammenkunft der Karäer, die 1927 in Trakai stattfand, wählte man ihn zum Oberhaupt der Gemeinschaft. Auf diesem Weg erhielt er den höchsten Titel eines Geistlichen der Karäer – Hachan

Zum 50. Todestag von Seraja Schapschal wurde 2011 ein Museum nach seinem Namen benannt.

 

Die Alte Post

Neben dem ehemaligen Marktplatz, an der Kreuzung Karaimų/Kęstučio-Straße. befindet sich das blaue Gebäude der alten Post. Anfang des 19. Jahrhundert wurde dieses Gebäude von den Dominikanern errichtet, die unweit auf der Burg der Halbinsel residierten. Es ist ein symmetrisches, eingeschossiges, für diese Zeit typisches Blockhaus, beschlagen mit vertikal verlaufenden Brettern.

Etwa 50 Jahre später wurde das Dominikanerkloster aufgelöst und das ihnen gehörende Gebäude ging in den Besitz der Polizeidirektion Kreis Trakai über. Kurze Zeit später ließ sich hier anstelle der Polizei die Post des Russischen Reiches nieder. Fast ein Jahrhundert danach (bis 1960) war hier das Post- und Telegrafenamt des Bezirks Vilnius ansässig. Hier befand sich das Archiv und in fünf Zimmern wohnten die Angestellten der Post.

Gegenwärtig hat die Direktion des historischen Nationalparks Trakai in dem Gebäude seinen Sitz. Interessierte Besucher dürfen die Alte Post gern von außen betrachten.

 

Die orthodoxe Kirche der Geburt der Heiligen Gottesmutter

Als nach dem Aufstand von 1831 in Trakai die Zahl der Orthodoxen stieg, benötigte die Ortsgemeinschaft eine neue Kirche. Ihr Bau wurde 1861 abgeschlossen. Die Geldmittel für die Kirche wurden von den Gemeindemitgliedern gespendet. Ebenfalls unterstützte die russische Zarin Maria Aleksandrowna das Bauvorhaben mit 6000 Rubel. Für die erfolgreiche Errichtung erhielt der Ingenieur Polozov von der Zarin einen mit Edelsteinen besetzten Goldring. Die Steinkirche mit traditioneller Gliederung und Form wurde 1863 auf den Namen Geburt der Heiligen Gottesmutter geweiht.

Heute fügt sich dieses Heiligtum der Orthodoxen harmonisch in das architektonische Mosaik der Stadt Trakai ein. Sie befindet sich auf einer der Anhöhen der Halbinsel, an der Kreuzung Vytautas/Maironis-Straße. Jeder kann nicht nur die äußere Architektur dieses Heiligtums, sondern auch den bescheiden verzierten Innenraum mit seinem Deckengewölbe bewundern.


Adresse: Karaimų Str. 41, Trakai, Gemeinde Trakai, Bezirksverwaltung Trakai