Das Landgut Pikeliškės

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Beschreibung

 

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Das an der Kreuzung der alten Straße von Molėtai und der Umgehungsstraße Nemenčinė-Maišiagala-Vievis befindliche Dörfchen Pikeliškės verfügt über ein Schmuckstück – ein Landgut, das man von der Hauptstraße über eine Allee alter Laubbäume erreichen kann. Es handelt sich um ein in der Mitte des 18. Jahrhunderts errichtetes einstöckiges Palais in recht bescheidenem klassizistischem Stil, das von einem kleinen Park mit eindrucksvollen hundertjährigen Bäumen umgeben ist: Eichen, Birken, Linden, Ahornbäume...

Das am nördlichen Ufer des Žalesas-Sees (oder Pikeliškės-See) auf einem kleinen Hügel stehende Gehöft des Landgutes Pikeliškės ist ein anerkanntes architektonisches und landschaftliches Denkmal lokaler Bedeutung. 1992 wurde es Teil der Kulturdenkmäler der Republik Litauen.

Eigentümer des ca. 16 km von der Hauptstadt Litauens entfernten Landgutes war 1930–1934 der Marschall Józef Piłsudski. Es war eine Sommerresidenz, die oft von den Machthabern Polens und ausländischen Ministern auf Dienstreisen besucht wurde. Übrigens richtete J. Piłsudski am Landsitz eine Grundschule ein!Nach dem Tod des Marschalls befand sich das Landgut nicht lange im Besitz der Familie - 1940 wurde es verstaatlicht - und nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich hier verschiedene Einrichtungen: die Geschäftsstelle der Kollektivwirtschaft, ein Saal für die Tanzveranstaltungen des Dorfes u.ä.

Heute ist das Landgut Pikeliškės restauriert, in ihm befindet sich die Bibliothek von Pikeliškės, eine strukturelle Abteilung der Zentralbibliothek der Bezirksverwaltung Vilnius. Jedes Jahr wird auf dem Gehöft des Landgutes das Erntefest des Bezirks Vilnius veranstaltet, das die Einwohner vieler umliegender Kleinstädte anzieht. Auf dem schön hergerichteten Gelände können auch private Feste gefeiert werden.

 

Die Geschichte des Gutshofs

Schriftliche Quellen lassen verlauten, dass das Landgut in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dem Smolensker Wachmann Jonas Meduneckas und später dem Vilniusser Kanonikerkloster des Hl. Georg sowie Verwandten von Meduneckas gehört hat. Die sehr dicken Mauern des Landgutes und die riesigen Kacheln der Öfen zeugen davon, dass mit dem Bau des Landgutes in der Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen wurde. Es gibt Informationen darüber, dass das Gebiet des Landgutes damals der Adelsfamilie Pisanki gehörte.

Das Palais von Pikeliškės ist recht bescheiden, seine Verzierungen sind subtil und gemäßigt. Den Haupteingang des Gebäudes ziert ein Portikus aus toskanischen Säulen. Von der südlichen Veranda führt eine kleine Treppenallee zum See. Der um das Landgut herum liegende Park wurde Anfang des 19. Jahrhunderts, zur Zeit des Klassizismus, angelegt.

Es ist interessant, dass die Eigentümer des Landgutes Pikeliškės nicht an den Aufständen von 1831 und 1863 teilgenommen haben und somit der Sequestrierung des Gutshofs entgingen. (Die Sequestrierung ist eine Möglichkeit zur Schaffung staatlichen Eigentums, bei der die Landgüter vermessen, beschrieben und mit einem bestimmten Verbot oder einer Zwangsbeschränkung, dem Sequester, versehen werden).

1930 erwarben Alexandra und Józef Piłsudski das Landgut, denn offenbar hatten Kavaliere des Ordens „Virtuti Militari“ Anrecht auf den Erhalt eines kleinen Landguts. Diesen Orden besaß nicht nur Marschall Piłsudski, der damalige Regierungschef Polens, sondern auch seine Ehefrau Alexandra. Deshalb war es ihnen gestattet, ein besonders großes Grundstück zu erwerben. Damals waren es 35 Hektar Ackerland, 25 Hektar Wiese und 73 Hektar See.

Die Piłsudskis hatten eine besondere Vorliebe für das Landgut von Pikeliškės. Der Zustand des ihnen anvertrauten Palais war ziemlich schlecht, also wurde eine umfangreiche Renovierung durchgeführt. Zum Gehöftkomplex des Landgutes gehörte neben dem Hauptgebäude und dem Park auch ein Pferdestall. Obwohl heute nur noch die Überreste dieses Gebäudes erhalten sind, können die Besucher die Pferde in dem heute neben dem Landgut eingerichteten Gehege bewundern.

 

Józef Piłsudski

Józef Piłsudski wurde am 5. Dezember 1867 auf dem Landgut Zalavas im Bezirk Švenčionys geboren. Er war das vierte von zwölf Kindern. Wie alle adeligen Familien des alten polnisch-litauischen Staates erzogen die Piłsudskis ihre Kinder im Geiste der Liebe zur Vergangenheit und des Patriotismus.

Laut Historikern war die Geschichte des Adelsgeschlechts Piłsudski aus dem Großfürstentum Litauen ziemlich typisch: Sie haben sich vollständig polonisiert, haben nicht Litauisch gesprochen und wünschten sich von Herzen die Vereinigung Litauens und Polens. Man kann sie jedoch nicht als „echte“ Polen bezeichnen, sondern wohl eher als gente lituanus natione polonus (litauisch-stämmig mit polnischer Nationalität).

Nach Abschluss des Gymnasiums in Vilnius reiste Józef Piłsudski nach Charkiw, um Medizin zu studieren. Dort begann er sich für die revolutionären Ideen der Bewegung „Narodnaja Wolja“ („Volksfreiheit“) zu interessieren und nahm seine sozialistische Tätigkeit auf, weshalb er der Universität verwiesen und für fünf Jahre nach Sibirien verbannt wurde.

Józef Piłsudski war eine widersprüchliche Persönlichkeit, so widersprüchlich wie auch seine Worte und Arbeiten in der Politik. Im aktiven Streben nach der Vereinigung Litauens und Polens, so sagt man, habe er die gegenseitigen Beziehungen dieser Staaten nur geschädigt. 1920 inszenierte Piłsudski den Aufstand im Vilniusser Gebiet, durch den nahezu ein Drittel des litauischen Territoriums, darunter auch Vilnius, besetzt und an Polen angeschlossen wurde.

Im selben Jahr wurde ihm der Stab des Ersten polnischen Marschalls verliehen. Piłsudski hatte viele ehrgeizige Pläne, die er nie umsetzen konnte. Einer davon war die Gründung einer starken Militärunion Mittel- und Osteuropas (Intermarium). Die aus 9 damaligen Staaten bestehende Union hätten laut Piłsudski zwei unberechenbaren Nachbarn – die Sowjetunion und Deutschland – Widerstand leisten können.

Piłsudski wurde 1935 im Krakauer Wawel neben den Königen Polens und Litauens sowie anderen berühmten Personen beigesetzt. Sein Herz fand auf eigenen Wunsch auf dem Rasos-Friedhof in Vilnius, der Stadt seiner Jugend, seine letzte Ruhestätte. 


Adresse: Dorf Pikeliškės, Gemeinde Riešė, Bezirk Vilnius